Mundart-Debatte. Worum geht's da eigentlich?

Da hat Peter von Matt aber eine Diskussion ausgelöst mit seinem Artikel im Tagesanzeiger. (Der Dialekt als Sprache des Herzens. Pardon das ist Kitsch. Tagesanzeiger v. 16.10.2010) Der Artikel ist sehr lesenswert - finde ich - doch auch die vielen Kommentare und Entgegnungen sind es. Auch wenn sie mich zum Teil verwirren.

Es Panasch, bitte - Wie bitte?
Ich kenne auch Menschen, die weigern sich, mit Deutschen in der Schweiz Hochdeutsch zu sprechen. (Mit Amerikanern oder Engländern jedoch sprechen sie sehr wohl in deren Sprache.) Ich kenne sogar Menschen, die reden in Deutschland oder Österreich, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und bestellen frisch fröhlich "es Panasch" in Nürnberg und freuen sich aufrichtig darüber, der Kellnerin (Servierdüse) zu erklären, was das denn nun sei, bei uns in der Schweiz. Genauso habe ich Deutsche in Spanien oder Griechenland erlebt, die im Restaurant ganz selbstverständlich auf deutsch ihr Bier bestellen. Ich staune immer wieder über diese Ignoranz und Arroganz - doch an den meisten Orten heisst es eben: "Man spricht deutsch", das gehört zum touristischen Angebot. Und um diese Tatsache sind auch viele Schweizer froh, die eben kein Spanisch, Italienisch, Griechisch oder Englisch als verbreitete Alternative zu vielen Sprachen sprechen. Mit Schweizerdeutsch wird man jedoch auf Kreta oder an der Costa Brava kaum satt; also spricht man Hochdeutsch, so gut man kann, oder? Es geht also schon, wenn es sein muss. 

Kommunikation ist möglich - wenn man will.
In der Schweiz sind wir allerdings zu Hause, da wollen wir reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Kein Problem - finde ich - so lange die Leute, mit denen wir reden wollen oder müssen, unseren Dialekt verstehen. Wenn nicht, was dann? Ich halte es da durchaus mit Peter von Matt: Das ist eine Frage des Anstands. (Er heisst übrigens nicht von Mett und auch nicht Matt, wie Angrod den "senilen Professor" nennt - ich frage mich, woher die Aggression kommt - auch bei vielen Kommentaren zum Artikel.) Und dumm finde auch ich es, in einer Sprache zu reden, die das Gegenüber nicht versteht, obwohl man in der Lage wäre, sich in dessen Sprache zu unterhalten.

Ausser man ist an echter Kommunikation gar nicht interessiert. Ich will nur reden, ob das, was ich sage, auch ankommt ist egal. Ja, das ist eine häufige Form der Kommunikation (alle reden, keiner hört zu) - auch im Dialekt und nicht nur auf Schweizerdeutsch. Man will auch gar nicht wissen - schon gar nicht verstehen - was die andere meint. Oder geht es bei diesem Beharren auf Dialekt um etwas ganz anderes?

Welchen Dialekt hätten 's denn gern?
Wenn Thomas Widmer in seinem Artikel "Mein Dialekt ist kein Tumor" imTagi vom 20.10.2010 schreibt: "Doch der Dialekt ist eben kein Gewaber, kein Nebel, kein Tumor" verstehe ich nicht, worauf in von Matts Text er anspielt. Von Matt schreibt: "Angesichts der zwei lautmalerischen Litaneien wird auch deutlich, dass niemand je imstande sein wird, den deutschschweizerischen Dialekt als solchen zu lernen."und: "Wenn zwei Schweizer miteinander plaudern, tun sie dies im Dialekt. Das ist gut so und richtig." Da ist weit und breit keiner, der dem Hochdeutschen zudienen will und den Dialekt schlecht macht. Aber darum geht es: Welchen Dialekt soll man denn lernen? Walliser, Bündner, Berner oder Basler? Und wer bringt ihn einem bei? Verbindlich? - Ist es da nicht einfacher, in einer Sprache miteinander zu reden, die beide verstehen, auch wenn angelernt - zum Beispiel Hochdeutsch? Und was geht verloren, wenn man mit einem Fremden nicht in Mundart spricht? Und wie gross ist der Gewinn, wenn man einander versteht?

Brücke oder Graben?
"Die Sprache ist die Brücke zum Gegenüber." sagt Helen Christen, Professorin für germanistische Linguistik an der Universität Fribourg und Mitherausgeberin des Schweizerischen Idiotikons im Interview mit Philipp Zweifel. Und wer nicht bereit ist, diese Brücken zu schlagen, obwohl er rein sprachlich dazu in der Lage ist, - denn wir alle sind fähig, hochdeutsch zu sprechen, wenn auch mühsam und mit Akzent - wird wohl seine Gründe haben. Ist das wirklich Fremdenhass? Aversion gegen Deutsche? Oder einfach nur ein Minderwärtigkeitsgefühl, das man überspielt mit dieser lächerlichen Überlegenheit: "Sag mal Chuchichäschtli!"Apropos Küche: Röschti und Polenta kann man miteinander geniessen, dabei gemütlich sein und angeregt parlieren - oder als Graben einander ewig vorhalten. Wie sprechen Sie mit einer Tessinerin, mit einem Westschweizer? Wie sie mit uns?

Swissness und "Mundart-Taliban"
Der Schriftsteller Guy Krneta schreibt: "Die Verkitschung der Mundart im Zuge des aktuellen Swissness-Marketings hat mit Mundart wenig zu tun. Swissness ist eine so oberflächliche Begeisterung fürs angeblich Eigene wie ihre Kehrseite, die Fremdenhetze. Hier wie da geht es nicht darum, kulturelle Errungenschaften zu bewahren, zu leben und Differenzen zueinander ins Verhältnis zu setzen. Und gerade darum halte ich es für sträflich, die Sprachen den Ideologen zu überlassen."

Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen. Nur, dass ich noch auf das Interview mit Pedro Lenz hinweisen möchte, dessen Begriff "Mundart-Taliban" ich sehr treffend finde. Und wer die ganze Mundart-Debatte lesen möchte, soll das tun.

Und wer mir eine Antwort weiss auf folgende Frage, soll dies bitte ebenfalls tun: Warum reagieren so viele Menschen so gekränkt und aggressiv auf den Artikel von Peter von Matt?

3 Kommentare:

  1. The Moon
    shines
    on a cat

    Meow

    As a native Swede, I am particularly proud of my love poetry suite Sonnets for Katie.

    My Poems

    My wallpaper art Babes!

    Sexuality introduces Death to Being; and indeed Life simultaneously. This is the profound Myth of the Eden. The work of the Serpent. Bringing us out of "blessed" Standstill. So, in contrast to the mindless pietism of vulgar Christianity, my personal "Christo-Satanism" should be given serious thought by the Enlightened Few, the Pneumatics, the 1% Outlaws. The Light Bringer must be rehabilitated, beacause if not, the All of it simply doesn't make sense: true Catholicism is necessarily Meta Catholicism.

    My philosophy

    Arthur Rimbaud, Max Jacob, Saint-John Perse, René Char, Henri Michaux, Roger Kowalski, Peter Ingestad...

    LE FRUIT DU CIEL

    Un orage nocturne illmuna maintenant l'Amazonie, franchis les Andes, envoya des jeux de cartes gigantesques et frappantes en bas à la Pampa –

    Puis: petit déjeuner à melon; café fumant!

    À la bague du cigare tu lis, étonné: GÉOGRAPHIE.

    My prosepoetry in French:

    Poétudes

    Et je traduise la poésie française en suédois:

    Ordgaller

    Schwarzes Birne!
    Aufforderung zur Erotik.

    My poetry in German:

    Fremde Gedichte

    Casualidad sopla la sangre
    de alguno señor desconocido
    durante los pocos restantes
    momentos del resplandor de faroles

    que se vislumbran tras el follaje
    flameando de las obsesiónes
    igual efimero como gotas
    del cinzano de la soledad –

    En aquel tiempo me levanta
    dentro uno incidente avejentado
    que en seguida palidece
    al camouflaje de abstraccion;

    chica, nadie conoce que tus grisos
    ojos significan aún; con todo
    el sueño que hube evacuado
    tu escudriñas nuevamente.

    Mi poesía aproximadamente española

    And: reciprocity: for mutual benefit, you will do me a favor promoting your own blog on mine!

    The best way to do it is lining up as a Follower, since then your icon will advertise you indefinitely, and I will follow you in return. Let's forge a mighty alliance of synergy and common interest.

    Yours,

    - Peter Ingestad, Sweden

    AntwortenLöschen
  2. Die Wortprägung Mundart-Taliban findet man schon 2007:
    http://heiner-oberer.ch/2007/03/d-mundarttaliban/

    AntwortenLöschen
  3. Ja, und zwar im schönsten Baselbieterdialekt. Heiner Oberer hat weitere lesenswerte Kolumnen: http://heiner-oberer.ch/

    Danke für den Hinweis von (leider) Anonym

    AntwortenLöschen